SEXUELLE GEWALT

Sexuelle Gewalt

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen - und sexuelle Gewalt im besonderen - ist in den letzten Jahren in einer immer breiteren Öffentlichkeit thematisiert worden. Dadurch wurde deutlich, dass sie in allen Lebensbereichen existiert, ja ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Trotzdem sind ihr wahres Ausmass, ihre Ursachen und ihre Folgen für Frauen nicht wirklich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Im Gegenteil scheint Gewalt gegen Frauen in vielen Bereichen so selbstverständlich und normal zu sein, dass selbst viele Frauen sie nicht als solche wahrnehmen. Doch mit Sicherheit kennt jede Frau eine oder mehrere der folgenden Situationen: Anmache, Angst und Unsicherheit nachts oder auch tagsüber auf der Strasse oder sonst irgendwo im öffentlichen Raum, verbale sexuelle Anspielungen am Arbeitsplatz, Übergriffe durch einen Lehrer, Lehrmeister, Vorgesetzten, telefonische Belästigung, subtiler oder offener Druck zur Sexualität oder zu bestimmten Formen der Sexualität durch den Partner, eine sexualisierte Atmosphäre durch den Vater, einen anderen männlichen Verwandten oder Bekannten, durch einen Arzt, Therapeuten usw.


Ist das alles sexuelle Gewalt?

Alle diese Übergriffe sind Gewalt, auch wenn sie oftmals nicht mit körperlicher Gewalt ausgeübt werden. Manchmal ist die psychische Gewalt noch machtvoller: Eine Frau, deren Partner mit Rache an den Kindern droht, wird sich gegen eine Vergewaltigung vielleicht nicht mehr wehren. Eine Frau, die weiss, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt schlecht sind, wird die Ausbeutung durch ihren Chef vielleicht erdulden, ohne dass er jemals körperlich gewalttätig wird.


Vergewaltigungsversuch und Vergewaltigung

Eine Vergewaltigung ist ein erzwungenes Eindringen in Scheide, After oder Mund mit einem Gegenstand, Finger oder Penis. Frauen werden zum grössten Teil von Männern vergewaltigt, die sie zumindest schon einmal gesehen haben, die sie ein bisschen oder sehr gut kennen. Ungefähr fünfzehn bis zwanzig Prozent der Vergewaltigungen werden durch einen Fremden ausgeübt, den die Frau noch nie gesehen hat. Der Zwang kann über viele verschiedene Mittel erfolgen. Manchmal reicht der Überraschungseffekt: Wird eine Frau von einem guten Bekannten vergewaltigt, mit dem sie, wie schon oftmals vorher, einen schönen Abend verbringt, und plötzlich verändert er sein nettes Verhalten und wird brutal, so kommt dies für die Frau so überraschend, dass sie sich gar nicht wehren kann. Bis sie realisiert, was passiert, ist es oftmals bereits zu spät. In so einer Situation, wie sehr viele Frauen sie erleben, kann der Mann sich fast darauf verlassen, dass die Frau in ihrem Schock keinen Widerstand wird leisten können. Viele Männer vergewaltigen Frauen auch in Ehen und Paarbeziehungen, oftmals über Jahre. Je nach Umständen gibt es auch Frauen, die sich erfolgreich wehren können. Dieses Gefühl, dass sie handeln und sich schützen konnten, kann den Verarbeitungsprozess sehr erleichtern. Die kurzfristigen Folgen eines Vergewaltigungsversuchs sind jedoch oft gleich wie bei einer vollzogenen Vergewaltigung.


Folgen

Die Folgen einer Vergewaltigung für die einzelne Frau hängen von vielen Faktoren ab: Vom Ausmass der Gewalt, von der Zeitdauer, von der Anzahl der Täter, von der Befindlichkeit und Lebenssituation der Frau zum Zeitpunkt der Vergewaltigung, von ihrer bisherigen Lebensgeschichte, von Vorerfahrungen mit Lebenskrisen etc.

Grundsätzlich ist eine Vergewaltigung jedoch immer ein massiver Einbruch in das Leben. Sehr viele Frauen erleben dies wie einen Schnitt in ihrer Lebensgeschichte. Die unmittelbaren Folgen sind oft Panikattacken und Angstzustände, ein Vertrauensverlust in andere Menschen, insbesondere natürlich in Männer, Schlafstörungen, Alpträume, Essstörungen, Depressionen, Ekelgefühle, Verzweiflung, Ohnmacht, ein Gefühl von Sinnlosigkeit dem Leben gegenüber und Wut.

Bis eine Vergewaltigung wirklich verarbeitet werden kann, das heisst als eine schlimme Lebenserfahrung akzeptiert und integriert wird, braucht es einen Verarbeitungsprozess, der sich über Jahre ziehen kann. Nach einer ersten Krise stabilisieren sich viele Frauen wieder etwas, bleiben in ihrer Handlungsfreiheit jedoch oftmals eingeschränkt. Diese Einschränkung bringen viele nicht mehr in einen direkten Zusammenhang mit der Gewalterfahrung. Ausgelöst durch unterschiedliche Ursachen kann es, manchmal nach Jahren, wieder eine Krisenzeit geben. Dann jedoch sind viele Frauen bereit, sich all diesen schwierigen Gefühlen noch einmal zu stellen, was eine wirkliche Verarbeitung ermöglicht. Manche tun dies mit Hilfe einer Therapie, manche mit einer Anzahl Beratungen im Nottelefon, manche finden andere Wege der Unterstützung. Auch wenn die Vergewaltigung nie rückgängig gemacht werden kann und sie Spuren und Narben hinterlassen wird, so ist es doch für viele Frauen möglich, auch mit diesen Narben gut zu leben. Manchen Frauen gelingt dies jedoch nicht, und ihr Leben bleibt sehr geprägt durch die erlebte Gewalt.